logo zwanzigquadratmeter, Projektraum, Berlin


Paulo Wirz
Bonança
September 13th - October 11th 2020

zqm Paulo Wirz
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Exhibition views, (c) Paulo Wirz, 2020

Die räumliche Installation Bonanša von Paulo Wirz beginnt im Treppenhaus des Ausstellungsraumes ZQM in Berlin. Durch die angebrachten Spiegel an den Treppenstufen entsteht ein illusorischer Raum. Den dazu möglichen mentalen Bildern folgen eine Etage höher weitere. In der Perspektive durch den Korridor zum Eingang des Ausstellungsraums wirken die differenzierenden blauen Boden–, Decken– und Wandflächen wie eine immaterielle Farbfeldmalerei. Das blaue Licht stammt von eingefärbten Fenstern. Die mit Glasfarbe bemalten Scheiben sind zum Innenhof hin ausgerichtet. Kunstlicht gibt es keines. Durch die rein natürliche Lichtquelle entstehen je nach Tages– oder Dämmerungszeit die Lichtverhältnisse im Raum und die Spiegeleffekte auf dem mit Wasser gefluteten Boden. In einer Ecke ist ein Haufen aus Geschirr, Besteck, Halsketten und Unkraut platziert. Die Rauminstallation wirkt unheimlich und scheint etwas Verborgenem, Unbewusstem oder Verdrängtem gewidmet zu sein. Die glatte Wasseroberfläche zeugt von einer Spannung, die durch eine minimale Bewegung in Schwingung geraten könnte. Der Zustand des Raumes liegt in den sich verkürzenden Herbsttagen in einem fragilen Gleichgewicht mit wechselhaften Stimmungen. Von einem sonnendurchfluteten, grellen Blau bis zur Finsternis gibt der Raum während den öffnungszeiten alle Nuancen von Hell bis Dunkel wieder.

Die eingesetzten Elemente eröffnen eine Vielzahl von imaginären Bildern und Assoziationen. Blau wird in Religion, Mythologie und Kunst eine sich teilweise entgegengesetzte Symbolik zugesprochen. Die Farbe kann sowohl für das Paradies als auch für das Abgründige, für den Himmel aber auch das Meer oder für das Heitere sowie für das Melancholische stehen. In der Installation entstehen durch die Spiegelungen im Wasser reflexive Verhältnisse der psychologischen Innenwelt und der menschlichen Umwelt. Diese Dualität zeigt sich auch in den zeremoniell angeordneten Relikten und dem Unkraut. Dem Geschirr haftet etwas Soziales an. Seit der Industrialisierung sind Teller und Gläser Dinge, die den meisten zugänglich sind und ihre Funktion und Zuschreibung über die Zeit kaum verändert und die Form grundsätzlich beibehalten haben. Für den Künstler kann das Geschirr aber auch mit der Todsünde der Völlerei oder der Schmuck mit Hochmut, Geiz, Wollust und Neid in Verbindung gebracht werden. Er schreibt den Objekten eine kulturelle und symbolische Bedeutung zu. Das Unkraut hat etwas Bedrohliches, so als würde es als Störfaktor unterschiedliche Zuschreibungen der Dinge ins Bewusstsein rufen.

Die nicht begehbare Installation schafft eine Distanz und Aussenperspektive. In der lyrischen Anordnung kommen Elemente der südamerikanischen und europäischen Kultur zusammen. Unterschiedliche Traditionen und Auslegungen von Bedeutungsträgern und ihrer Symbolik existieren parallel. Wirz greift in Bonanša (portugiesisch für die Ruhe vor oder nach einer turbulenten Zeit) synkretische Wahrnehmungsmöglichkeiten auf, die den fragilen und sich ständig verändernden Moment der Gegenwart und seine Koexistenzen zum Ausdruck bringt. (von Fabian Flückiger)


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